Einige Gedankensplitter zum Steinbildhauen zu Fragen von Interessierten (Wählen Sie ein Thema, für jeweils einen kurzen Text)

Geduld
Geduld

Eine der ersten Bemerkungen, wenn Leute hören, dass ich Steinbildhauer bin, betrifft die Notwendigkeit der Geduld: es bräuchte davon sehr viel für meine Arbeit. Wenn man nur schaut, wieviele Stunden es braucht, eine Steinskulptur von Hand zu fertigen, hätten sie recht.
Ich messe aber meine Arbeit nicht in Stunden, sondern in der Anzahl der wesentliche Veränderungen die ich anbringe. Schritt für Schritt wird das gemacht, was notwendig ist; so findet der Prozess seinen Lauf.
Mir ist es dabei nicht wichtig, wieviele Skulpturen entstehen.
Perfektionismus
Perfektionismus

In meiner Erziehung war Perfektionismus ein Ziel an sich; ein Ziel, dass man nur anstreben, aber nie erreichen kann - sehr frustrierend. Inzwischen habe ich gelernt, mit Spass zu arbeiten. Handwerkliche Perfektion versuche ich nicht zu erreichen; ich konzentriere mich auf das, was für mich wertvoll ist, unabhängig der Meinung anderer. Damit baue ich immer mehr Erfahrung auf und deswegen sind meine Skulpturen wertvoll.

Perfektionismus ist nicht absolut, sondern abhängig vom Ziel dessen, der die Arbeit macht, oder vom Wertesystem des Beobachters. Keiner würde einen gut gemachten Cartoon mit einem Gemälde vergleichen; beides hat seinen Wert, aber man verwendet beim Beurteilen unterschiedliche Massstäbe.

Perfektionismus war von aussen auferlegt, und kein Teil von mir. Heute liegt mein Ziel beim Anfertigen einer Skulptur darin, die Form klar darzustellen. Es muss nicht endlos "geputzt" und geschliffen werden, aber dass, was die Betrachtung stört, muss weg (wenn es nicht gerade Ziel ist, die Betrachtung zu stören, Disharmonie zu kreieren). Die investierten Arbeitstunden sind kein Mass für Qualität.
Kunst
Kunst

Über Kunst reden ist was komplett anderes als Kunst zu machen. Ich werde nicht behaupten, dass ich das eine kann, weil ich das andere tue, auch wenn mir das manchmal unterstellt wird.

Für mich sollte Kunst unabhängig vom Künstler bestehen können, sich behaupten können. Irgendwelche Selbstdarstellungen eines Künstlers macht aus seiner Arbeit noch keine Kunst. Auch Kunst, die über sich selbst hinaus eine Botschaft verbreiten will oder politisiert, ist möglicherweise ein gelungenes Kommunikationsmittel, aber damit nicht automatisch (bessere) Kunst.

Ob Kunst ist, was ich mache, sollen anderen beurteilen.
Resultat
Resultat

Ich mache abstrakte Steinskulpturen, manchmal mit einem halbfertigen Charakter, aber wenn ich mit einer Skulptur fertig bin, ist das Kunstwerk eindeutig vollendet. Kunsthandwerklich könnte man es als unfertig beurteilen.

Manche Werke brauchen nicht wie Museumstücke auf Sockel zu stehen.

Wenn man sich um das Werk herum bewegt, bzw. das Werk bewegt, ändert sich der Eindruck: quasi eine 4. Dimension im dreidimensionalen Werk.

Der Stein bleibt als Stein erkennbar so wie auch die Handfertigung.

Es gibt keine Bedeutung inherent an die Skulptur. Es ist kein Abbild und meistens gibt es keinen Titel. Ein Titel schränkt die Eigenwahrnehmung oder Interpretation des Betrachters ein.
Reifung
Reifung

Es gibt keine klare Idee und dann erst den Anfang der Arbeit. Viel eher gibt es Wolken von Ideen, die sich auskristallisieren können, hauptsächlich zu bestimmten Momenten wie z.B. das Sehen eines Steines. Es gibt keinen Entwurf: ich arbeite im Stein das aus, was mir klar vor Augen steht. Der Rest kommt dann später, reift bzw. es ergeben sich Probleme, weil etwas noch nicht zu Ende gedacht war. Eventuell braucht es eine Pause (bis zu Monaten). Im Unterbewustsein reift dann eine Lösung heran, während ich andere Arbeiten mache. Wichtig dabei ist, dass es wenig Ablenkung gibt ausser Routine wie Haushalt, Gartenarbeit und einfache soziale Kontakte.
Verwandlung / Transformation
Verwandlung / Transformation

Ich lasse Stein als Stein sehen, nicht als irgendein anderes Material. Auch wenn es viel handwerkliches Können fragt, ein Material als ein anderes erscheinen zu lassen, ist es nicht unbedingt inherent wichtig für Kunst.
Ursprung, Struktur und Material zu zeigen ist purer. Die Verwandlung besteht darin, eine explizite Form aus einem unförmigen Stück Stein herauszulocken oder herauszuarbeiten, z.B. schlank, schön, auffällig, interessante Linien, an Mathematik anlehnend, unnatürlich, Ordnung anbringend wo sie nicht sichtbar war, Unordnung und Abweichung schaffend. Es geht um eine Verwandlung der Form, nicht des Erscheinungsbildes bzw. der Oberfläche des Materials.
Funktion - des Resultates
Funktion - des Resultates

Ich habe mit dem Resultat nichts vor, es ist kein Mittel zum Zweck. Abhängig vom Betrachter kann eine Funktion gefunden werden. Für mich persönlich wirken die Skulpturen verschönerend, beeinflussen den Raum oder können Neugierde wecken und anregen. Sie sind ein Beweis der eigenen Arbeit und Leistung und können Verkaufsobjekt sein zum Broterwerb.

Ich habe kein Kommunikations-, kein Propaganda-Ziel mit meinen Skulpturen. Zur Kontemplation können sie anregen.
Funktion - des Prozesses
Funktion - des Prozesses

Der Arbeits- und Schöpfungsprozess macht mir Spass und gibt mir Sinn. Der Prozess ist das Ziel; das, worum es mir in meiner Arbeit geht. Nebenbei funktioniert der Prozess öfters als Kontakt- oder Gesprächsinitiation (wobei es, offen gesagt, leichtere Wege gibt...)

Es macht übrigens auch Spass, andere einzuführen in die "taille directe" und das Arbeiten mit Stein.
Aufbauen vs. Wegnehmen
Aufbauen vs. Wegnehmen

Es gibt zwei Arten von Bildhauerarbeiten:


Das sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Techniken mit unterschiedlichen Resultaten und zugehörigen Denkweisen. Sie verursachen während der Arbeit unterschiedliche Probleme, die unterschiedliche Lösungsansätze verlangen.

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Gyelt Tuinstra