Zweites Interview

August 2006

Es ist jetzt 5 Jahre her seit dem letzten Interview. Es hat sich viel geändert: Du bist im Herbst 2003 aus den Niederlanden in die Schweiz emigriert, von einer Stadt mit etwa 400.000 Einwohnern leicht unter dem Meeresspiegel in ein Bergdorf mit 440 Einwohnern auf fast 1000 m.ü.M.



Haben sich diese Veränderungen irgendwie ausgewirkt auf deine künstlerische Arbeit? [index]

Irgendwie ist gut, ja, hat es... Wo ich jetzt arbeite ... Was ich hier an Möglichkeiten habe ... Welche Materialien ich (leicht) finden kann... Die Materialwahl ist eine andere: immer noch Stein, aber eben anderer Stein.

Von den Formen her: ich hatte, auf jeden Fall am Anfang, sehr stark das Gefühl, dass die runden, harmonischen Formen in so ein rauhes Klima und so eine rauhe Landschaft irgendwie viel weniger passen. Wenn man in den Niederlanden eine Skulptur draussen hinstellt, dann sieht man sie automatisch zusammen mit der flachen Linie des Horizontes. Auch wenn man daran arbeitet, ist man eigentlich immer damit beschäftigt, etwas aufrecht hinzustellen in einer flachen Landschaft. Ich war mir dessen damals nie bewusst, aber so ist es, und es ist deswegen auch logisch, die Skulptur auf einem Sockel zu präsentieren. Hier sieht man eine Skulptur, entweder direkt oder im Kopf, immer in einer Landschaft mit steilen Bergen, noch einmal 1000-1500 Meter höher und mit vielen rohen Felsen. Es gibt eigentlich keine gerade Linien und das alles beeinflusst halt, welche Formen man wählt, wie man eine Skulptur aufstellen möchte...

Du sagst, die Landschaft beeinflusst die Formen. Kannst du beschreiben wie? [index]

Ich war schon in den Niederlanden ein bisschen am Experimentieren, z.B. mit nicht-glatten Formen, und ich hatte die Frage im Kopf: Was macht eigentlich eine Form aus? Wieviel braucht es, um eine Form zu sein oder zu suggerieren? Was kann man, nun ja, weglassen effektiv? Und das ist in der Schweiz einen ganz grossen Schritt weitergekommen, indem ich jetzt ein paar Skulpturen gemacht habe mit wirklich minimalen Eingriffen (zumindest, was ich jetzt für minimal halte; es könnte sein, dass es noch weniger wird). Und das gefällt mir total gut, gerade hier. Das heisst: rohe Oberflächen, Hackspuren sichtbar, teilweise auch Naturbruch, oder auch Bohrlöcher, und die Form nur teilweise ausgearbeitet.

Rohe Formen in einer rauhen Landschaft? Und früher hast du soviel geschliffen und poliert, um die Form auffallen zu lassen... [index]

Du meinst, das wäre ein Widerspruch, aber gerade in so einer rauhen Landschaft fällt jeder Eingriff als Eingriff auf. Auch eine Kurve, in der noch die Hackspuren zu sehen sind, fällt gleich als total unnatürlich auf, springt wirklich heraus. Das ist vielleicht, was Land-Art auch versucht: irgendeinen Eingriff, der direkt als "künstlich" zu erkennen ist. Das funktioniert in einer natürlichen Landschaft deswegen so gut, weil alles dort ein gewisses Mass an Zufall oder Unordnung hat. Und dann braucht es keine so "übertrieben" glatt polierte Oberfläche, um auffällig zu sein. In den Niederlanden ist die Landschaft nicht nur flach, es ist auch eine beinahe vollkommen künstliche Landschaft. Man ist daran gewöhnt, dass es dort viele glatte Oberflächen und geometrische Linien gibt. Um sich dort als Skulptur behaupten zu können, braucht's vielleicht mehr Künstlichkeit, als in so einer Landschaft wie hier.

Machst du neuerdings Skulpturen für draussen, weil du jetzt soviel sprichst von dem Eindruck, den Skulpturen oder Kunstwerke in der Natur machen? Deine "alten" Arbeiten sind doch eher für drinnen, oder? [index]

Stimmt. Dabei spielt es eine Rolle, dass ich hier zuerst keinen richtigen Marmor gefunden habe (der ja drinnen stehen sollte), sondern Steine, die gut draussen stehen können und frostunempfindlich sind. Ausserdem bekommt man hier leicht grosse Steine. Ich war in den Niederlanden auch schon dabei, immer grössere Arbeiten zu machen und habe jetzt die passende Werkstatt dazu. Es macht auch Spass, was draussen hinzustellen und damit quasi in die Landschaft einzugreifen.

Siehst du jetzt eine Skulptur eher auch als Teil ihrer Umgebung und nicht mehr so sehr als unabhängiges Objekt? [index]

Ja. Das ist übrigens auch eine Entwicklung, die eine Verschnellung bekommen hat wegen dem Umzug und so. Wenn du z.B. diese schwarze Skulptur [In wording, 2003] nimmst, diese grosse: sie versucht auch schon den Raum einzubeziehen, indem sie ihre Kurven sozusagen ausstreckt über den Stein hinaus, um sie irgendwo weiter weg nochmal kreuzen zu lassen. Ich glaube, Casper Rietbroek hat als erster unserer Gruppe schon mal gesagt, dass das Linienspiel einer Skulptur sich ausstrecken kann ausserhalb des Steins. Wobei natürlich in einer städtischen Umgebung viel mehr störende Einflüsse da sind.

Das heisst, dass der Umzug aus der Stadt aufs Land wichtig war, noch mal abgesehen vom anderen Land und Bergen statt Meer? [index]

Ja, obwohl, wenn ich denke, was "aufs Land" in den Niederlanden bedeutet, dann sehe ich immer noch eine von Menschen gemachte Landschaft. Dort gibt es wenig echte Naturlandschaft, wo man lange gehen kann, ohne eine Strassenlanterne, einen Mülleimer oder irgendsowas Künstliches zu sehen. Hier hat man eine Landschaft, die sich immer wieder ändert; mit den Jahreszeiten oder auch nur nach einem heftigen Regenguss.

Hat deine soziale Umgebung sich nicht auch stark verändert? Wo wir doch bisher nur von visuellen Änderungen geredet haben... [index]

Eine grosse Änderung ist, dass ich jetzt alleine arbeite und nicht in einer Gruppe. Also, die Gruppe ist im Hintergrund immer noch da, aber... Das ist schade, manchmal, weil man, wenn man alleine arbeitet, auch alleine seine Motivation finden muss, um zu arbeiten, jeden Tag. Es fiel mir leichter, als ich wusste, es warten Leute auf mich in der Werkstatt, der Kaffee ist vielleicht schon fertig... ich sollte mal hingehen. Wenn ich dann einmal in der Werkstatt bin, so funktioniert es hier auch, kommt die Arbeit von alleine. Aber bis ich mich dorthin bewege, kann es hier schon mal etwas länger dauern.

Anderseits glaube ich, dass diese Veränderungen in meinen neueren Arbeiten, von denen wir vorhin gesprochen haben, hier auch mehr Chance bekommen haben. Weil die anderen nicht hier waren und es keine fragenden Blicke gab: "Was machst du da?" oder "Wieso meinst du, dass das jetzt schon fertig wäre, es ist ja noch halbroh?".

Brauchst du diese Kontakte dann nicht mehr für Formentscheidungen, so wie du noch vor 5 Jahren im Madeira-Interview beschrieben hast? [index]

Ich traue mich jetzt eher, etwas einfach liegen zu lassen, wenn ich nicht mehr weiter weiss. Ich habe jetzt auch den Platz dazu, Sachen liegen zu lassen und erst in einem Monat wieder weiterzumachen. Ich bin mir sicherer geworden in Formgebungsfragen; ein kleiner Anreiz, der auch von einem Atelierbesucher kommen kann, kann dann ausreichen. Ausserdem ist mir inzwischen weniger wichtig, was ein anderer davon hält. Und wenn ich eine Arbeit nicht fertigbekomme, blockiert das andere Arbeiten nicht mehr so wie früher. Es hängt nicht mehr alles an dieser aktuellen Skulptur. Ich bin auch insgesamt etwas experimentierfreudiger, denke ich.

Inzwischen lerne ich hier auch immer mehr Leute kennen, die entweder eine andere Kunstform ausüben oder auch Bildhauer sind. Das hat auch wieder seine Stimulanz und Reiz.

Reagieren die Leute in der Schweiz anders auf deine Arbeit? [index]

Bei Kindern sind die Reaktionen hier eigentlich gleich, sie sind gleich neugierig und offen, auch für abstrakte Formen. Meine Nachbarin von etwa 3 Jahren alt hat beim ersten Mal sehen gleich einen Titel an eine total abstrakte Skulptur (Maria) gegeben.

Auf meine glatten Formen würden Erwachsene genauso zugehen wie in den Niederlanden, glaube ich. Aber ich mache natürlich im Moment Sachen, die eben weniger "aanraakbaar" sind, weniger leicht zu berühren oder nicht so dazu einladen. Meine neue Skulpturen stehen relativ forsch da, das ruft auch eine andere Reaktion hervor.

Kannst du kurz mal beschreiben, mit was für Materialien du jetzt arbeitest? Vorher hast du über eine andere Materialwahl gesprochen, weil du hier andere Materialien bekommst... [index]

Sandstein in verschiedenen Härten vom Zürichsee, Nuolen, und Andeer Granit. Andeer Granit hat ein wunderschönes helles Grün als ersten Eindruck und ist aufgebaut aus grünen und weissen Spuren, Wellen. Vor kurzem habe ich auch einen hellen schweizer Marmor aus dem Tessin gekauft.

Der Sandstein hat für mich eher die Qualität von Beton [index]

Er ist weniger grau als Beton und hat mehr Struktur, Farbspuren, würde ich sagen. Die Hauptfarbe ist bräunlich-grau, vielleicht mit einem leichten Blau- oder Violettstich, aus der Nähe hat er viele Farben. "Lisa's Maria" enthält auch grössere, farbige Steinkörner, aber nur in einem breiten Streifen quer durch den Stein.

Im Vergleich zu Marmor ist es ein Stein, der sehr viel weniger Leben hat, weniger Zeichnung. Ich kann mir vorstellen, dass das die Endform beeinflusst, zumindest wie die Form erscheint? [index]

Ich glaube, es hat auf jeden Fall Einfluss auf das, was die Leute davon halten. Für mich ist es ein sehr gutes Material, weil die Form voll zur Geltung kommen kann. Er hat dann doch ausreichend natürliche Variationen, dass man merkt: es ist ein natürliches Material. Er lenkt nicht mit grossen Farbmustern ab. Im Moment gefällt mir das.

Und ich finde es auch eine Herausforderung: ich möchte daraufhin arbeiten, dass die Leute auch auf so einen (Sand)stein zugehen, weil er eben eine spannende Form hat. Bin vielleicht noch nicht ganz da, aber...

Du bist beim Stein geblieben [index]

Ja, Pläne für andere Materialien sind schon da, aber noch keine Objekte. Pläne, um Stein mit Eisen zu kombinieren, haben sich auch schon in den Niederlanden geformt, aber dies ist teilweise eine Frage von Geld und Zeit.

Übrigens, man müsste auch noch den Schieferstein erwähnen. Unser Tal besteht grössenteils aus Schieferstein; zwar wenig in bearbeitbarer Form, aber es ist dann doch auch wieder eine Herausforderung, herauszufinden, was man damit machen könnte. Es kommt weniger auf Hacken und klassisches Bildhauen an und mehr auf Komposition und Komponieren. Aber das ist alles noch in einem unausgereiftem Stadium, da gibt es noch keine fertigen Skulpturen, die ich jetzt schon präsentieren möchte.

Eine Herausforderung anderer Art ist noch immer der Verrucano; der hat zwar ein wunderschönes Rot-Rosa, ist auch ein Sandstein, aber die kleinen Stücke, die ich gefunden habe, sind dermassen hart, dass er wirklich sehr schwer zu bearbeiten ist. Der Verrucano ist härter als Andeer Granit, würde ich sagen. Auch mein hartmetallenes Spitzeisen und ein neugekauftes Diamantschleifblatt gingen ganz schnell daran kaputt und der Stein zeigte sich trotzdem unbeindruckt. Da müsste ich mir noch was anderes ausdenken...

Nebenbei hast du über Technik und Werkzeuge geredet und dann höre ich heraus, dass du nach wie vor mit änhlichen arbeitest wie vorher. [index]

Ja, ähnliche. Ich verwende inzwischen mehr verschiedene Eisen und so, aber grundsätzlich sind es die Gleichen.

Für die Materialkombinationen hakt es noch ein bisschen an der Verfügbarkeit des Materials. Ich habe keine grossen Mengen Eisen herumliegen und dann muss ich eben planen, was ich brauche. Ich habe kleine Modelle gemacht, aber jetzt würde ich eigentlich am liebsten eine Menge Eisen und Stein herumliegen haben und dann damit lange herumbasteln. Aber Eisen braucht seine eigenen Geräte und mehr Planung, auch rechnerisch: von der Statik her muss man das kontrollieren lassen. Wenn man einen Stein aufhängt in irgendeiner Eisenkonstruktion, dann soll er bitte nicht herunterfallen, auch nicht in zehn Jahren.

Und deine Herangehensweise, hat die sich geändert? [index]

Er ist etwas schneller geworden, der ganze Prozess. Stein sehen, beurteilen, erste Ideen wo anzufangen, das ist eigentlich Eins geworden. Als ich das letzte mal zurückgereist bin vom Steine Aussuchen im Steinbruch, hatte ich für fast jeden Stein schon erste Ideen. Das sind dann immer noch nicht viel mehr als zwei Bleistiftstriche auf einem Bierdeckel: da eine Kurve, da eine gerade Linie und dann mal schauen. Aber es geht viel schneller, ich bin mir da viel sicherer. Und auch das Eingreifen selber geht schneller, von der Technik her, von der körperlichen Kraft her.

Seit drei Jahren arbeitest du jetzt Vollzeit als Bildhauer. Im letzten Interview sprachst du von finanzieller Unabhängigkeit und Freiheit, das zu schaffen, was du selber willst und hast deswegen einen anderen (Teilzeit-)Job gehabt. [index]

Ich bin mit meiner Frau in die Schweiz gezogen. Es war von Anfang an klar, dass Sie verdienen würde und gemäss den alten schweizer Gesetzen durfte ich nicht mal arbeiten. Somit habe ich die Rolle von Hausmann und Gärtner übernommen, um wenigstens zum Teil am Lebensunterhalt beizutragen. Und wenn ich jetzt schaue, wieviel Zeit ich effektiv bildhaue, ist das immer noch quasi Teilzeit, aber ich habe viel mehr Ruhe zu überlegen, was ich machen will. Ich glaube, deswegen entwickelt sich meine Arbeit auch schneller. Mein Leben funktioniert jetzt mehr wie ein Ganzes ohne dieses Arbeitnehmersein. Nebenaktivitäten wie Ofenholz machen und einen Gemüsegarten betreiben nehmen keine Kreativität vom Bildhauen weg, im Gegensatz zu meinem früheren Job. Auch wenn ich es manchmal nicht schaffe den ganzen Tag zu hacken, kann ich mich den ganzen Tag lang in Gedanken mit Bildhauen beschäftigen.

Deine Bestätigung musst du jetzt aber ganz aus dir selbst herausholen; vorher hatte dein Job da bestimmt auch eine Teilfunktion? [index]

Na ja, meine versorgende Rolle bringt einen Teil des benötigten positiven Feedbacks. Ein warmes Haus trotz traditionellem Holzofen und Gemüse aus eigenem Garten sind beim hiesigen Klima schon ein Ereignis. Ein Stück Befriedigung oder Zufriedenheit kommt einfach aus dem täglichen Leben hier und ich bin dabei, mich im Dorf etwas zu engagieren, z.B. im Kurverein und vielleicht in der Feuerwehr demnächst. Das hat zwar nichts mit meiner Arbeit zu tun, aber es bringt Kontakte. In Bezug auf meine Arbeit habe ich inzwischen einige Leute kennengelernt, die meine Arbeit schätzen, oder auf jeden Fall schätzen, dass ich solche Arbeit mache. Das reicht vorläufig aus.

Wie steht's mit Ausstellen? [index]

Demnächst werde ich zum Ersten mal in der Schweiz offiziell ausstellen. Ich habe natürlich einige Zeit gebraucht, um neue Arbeiten zu machen und überhaupt, um mich im neuen Land einzugewöhnen. Bildhauen ist eine langsame Technik, es dauert, bis man einige, gelungene Arbeiten in einem neuen Stil sehen lassen kann.

Als inoffizielle Ausstellung habe ich im Garten einige Arbeiten stehen und eine offene Einladung an der Strasse (es kommen hier viele Wanderer vorbei), um sich Skulpturen und Werkstatt anzuschauen. Und dann natürlich meine Webseite. Die ist zwar nicht immer bis zum letzten Monat aktuell, aber irgendwann erscheinen da doch wieder Fotos neuer Arbeiten. Auch diese Arten von Präsentieren bringen immer wieder persönliche Kontakte oder E-Mails mit interessanten Reaktionen: das ist das Stimulierende am Ausstellen jeder Art.

Du gibst neuerdings auch Kurse? [index]

Ja, für mich eine neue Entwicklung, die riesig Spass macht. Bisher hatte ich nur Anmeldungen für die Anfängerkurse. Es könnte von mir aus auch mehr Workshopmässig für Leute mit Erfahrung sein. Das Arbeiten mit Anfängern ist deshalb spannend, weil man mit ganz überraschenden Formfragen konfrontiert wird. Gerade letzte Woche hatte ich einen Kurs und alle Teilnehmer haben eine Skulptur fertig, oder fast fertig, bekommen in 6 Tagen. Es sind sehr unterschiedliche Formen entstanden, die ich selber nie so gemacht hätte mit dem Stein, aber gerade das ist spannend. Dabei ist der persönliche Kontakt in so einer Woche stimulierend. Es erneuert die Frage: Wieso mache ich es so, wie ich es jetzt mache? Wieso bringe ich nicht viel mehr Details an im Stein? Ist das, weil ich das so will? Ist es vielleicht doch noch Einfluss von Mark Rietmeijer, Annibal Ferreira und Kurt Baruch, meinen Lehrern?

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Gyelt Tuinstra